Körper

Kapitel 1 – Gewicht (erweitert)

Manchmal wache ich auf und weiß schon im ersten Moment:
Heute wird schwer.

Nicht wegen etwas Konkretem. Es gibt keinen Auslöser, keinen Grund. Nur dieses Druckgefühl, als hätte mir jemand über Nacht etwas auf die Brust gelegt. Atmen geht. Aber es fühlt sich an wie Arbeit.

Gedanken kommen sofort. Ich lade sie nicht ein. Sie sind einfach da.

Du hast schon wieder nichts geschafft.
Andere kriegen das doch auch hin.
Was stimmt nicht mit dir?

Ich bleibe liegen, weil Aufstehen eine Entscheidung wäre. Und Entscheidungen kosten Kraft. Also starre ich an die Decke und versuche, mich nicht selbst zu hassen, weil ich schon wieder starre.

Zeit verliert ihre Bedeutung.
Minuten fühlen sich an wie Stunden.
Und gleichzeitig vergeht alles zu schnell.

Depression ist nicht nur Traurigkeit.
Sie ist Stillstand.
Sie ist das Gefühl, innerlich abgeschaltet zu sein, während der Körper weiter funktioniert.


Kapitel 2 – Angst hat einen Körper (vertieft)

Angst kündigt sich selten höflich an.

Manchmal kommt sie wie ein Schlag. Manchmal schleicht sie sich ein. Ich merke es zuerst an meinem Körper. Mein Magen zieht sich zusammen. Mein Nacken wird hart. Mein Herz beginnt, schneller zu schlagen, ohne dass ich mich bewege.

Ich scanne mich selbst.
Ist das normal?
Oder kippe ich gleich um?

Mein Atem wird flach. Je mehr ich versuche, ruhig zu bleiben, desto weniger gelingt es. Ich habe Angst vor der Angst. Angst davor, dass sie stärker wird. Angst davor, dass ich die Kontrolle verliere.

Die Gedanken rasen:
Was, wenn ich hier zusammenbreche?
Was, wenn mir niemand hilft?
Was, wenn das nie wieder aufhört?

Die Welt fühlt sich fremd an. Als wäre eine Glasscheibe zwischen mir und allem anderen. Geräusche sind zu laut. Licht ist zu grell. Mein eigener Körper ist mir nicht mehr vertraut.

Ich will weg.
Aber es gibt keinen Ort, an dem ich sicher bin.
Ich bin ja immer dabei.


Kapitel 3 – Funktionieren (vertieft)

Ich funktioniere besser, als ich lebe.

Ich weiß, wann ich nicken muss. Wann ich lächeln soll. Welche Antworten akzeptabel sind. „Ganz okay“ ist eine gute. „Müde, aber passt schon“ auch.

Niemand fragt weiter.

Während ich arbeite, läuft in mir ein zweiter Film. Ich analysiere jedes Wort, jede Reaktion. Habe ich zu wenig gesagt? Zu viel? War das komisch? War ich anstrengend?

Am Ende des Tages bin ich erschöpft, ohne etwas gefühlt zu haben. Nicht stolz. Nicht zufrieden. Nur leer.

Depression macht aus allem eine Pflicht.
Selbst aus Dingen, die früher Freude gemacht haben.

Ich frage mich oft, ob das jetzt mein Charakter ist oder nur die Krankheit. Und ich weiß nicht, was schlimmer wäre.


Kapitel 4 – Die Anderen (vertieft)

Ich merke, wie ich mich zurückziehe.

Nicht aus Arroganz.
Aus Selbstschutz.

Jede Erklärung kostet Kraft. Jedes „Mir geht es nicht gut“ zieht Fragen nach sich, auf die ich keine Antworten habe. Also sage ich nichts. Oder lüge ein bisschen. Nicht aus Bosheit. Aus Überleben.

Wenn jemand sagt: „Du musst nur…“, schaltet etwas in mir ab.
Nicht, weil sie böse sind.
Sondern weil sie es nicht fühlen.

Ich fühle mich falsch, weil ich mich so fühle.
Und einsam, weil ich es nicht erklären kann.


Kapitel 5 – Der Tiefpunkt (vertieft)

Der Tiefpunkt ist nicht laut.

Er ist ein Zustand, in dem nichts mehr zieht. Keine Angst. Keine Traurigkeit. Keine Hoffnung. Nur ein dumpfes Nichts.

Ich liege im Bett und denke nicht aktiv daran, zu verschwinden.
Aber ich denke auch nicht daran, zu bleiben.

Das Leben fühlt sich an wie eine Aufgabe, die ich nicht mehr verstehe.
Ich bin nicht verzweifelt.
Ich bin müde. Auf eine gefährliche Art.

Der Gedanke, einfach nicht mehr da sein zu müssen, fühlt sich kurz erleichternd an. Und erschreckt mich genau deshalb.

Hilfe zu brauchen fühlt sich an wie Versagen.
Aber keine Hilfe zu bekommen fühlt sich schlimmer an.


Kapitel 6 – Therapie (vertieft)

In der Therapie lerne ich Dinge, die eigentlich banal klingen.

Dass Gefühle kommen und gehen.
Dass Gedanken nicht immer die Wahrheit sagen.
Dass mein Nervensystem überfordert ist, nicht ich als Mensch.

Trotzdem fühlt sich jeder Termin an wie Arbeit. Manchmal gehe ich raus und bin wütend. Manchmal leer. Manchmal erleichtert.

Heilung fühlt sich nicht gut an.
Sie fühlt sich ehrlich an.

Und Ehrlichkeit tut manchmal weh.


Kapitel 7 – Rückfälle (vertieft)

Rückfälle sind heimtückisch.

Sie kommen oft nach guten Phasen. Genau dann, wenn ich denke, ich hätte es im Griff. Dann fühlt es sich an, als hätte ich mir alles nur eingebildet. Als wäre ich doch schwach.

Ich lerne langsam: Rückfälle nehmen mir nicht den Fortschritt.
Sie zeigen nur, wie tief die Wunden waren.

Manche Tage bestehen nur daraus, mich selbst davon abzuhalten, mich zu verurteilen.


Kapitel 8 – Bleiben (vertieft)

Bleiben ist kein großes Versprechen.

Es ist ein leiser Entschluss, der sich jeden Tag neu formt.

Ich bleibe, obwohl ich Angst habe.
Ich bleibe, obwohl ich müde bin.
Ich bleibe, obwohl ich nicht weiß, wie alles werden soll.

Manchmal bleibe ich nur für den nächsten Atemzug.

Und manchmal reicht das.


Kapitel 9 – Leise Hoffnung (vertieft)

Hoffnung fühlt sich nicht an wie Freude.

Sie ist eher ein Wissen.
Dass Zustände sich ändern können.
Dass ich nicht stehen bleiben muss, auch wenn ich gerade nicht weitergehen kann.

Ich bin noch hier.
Nicht, weil alles gut ist.
Sondern weil es nicht immer gleich bleibt.